Movements of Migration

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Movements of Migration. Ein Göttinger Wissensarchiv der Migration

 

Ein forschendes-künstlerisches Ausstellungsprojekt am Institut für Kulturanthropologie/

Europäische Ethnologie

 

Das Forschungs- und Ausstellungsprojekt „Movements of Migration. Ein Göttinger Wissensarchiv der Migration“ ist eine Kooperation aus Masterstudierenden des Instituts für Kulturanthropologie/Europäische Ethnologie der Universität Göttingen, des Curriculum Visuelle Anthropologie und freischaffenden KünstlerInnen. Das Projekt findet statt unter der wissenschaftlichen Leitung von Prof. Dr. Sabine Hess und Dr. Torsten Näser und mündet im März 2013 in eine Ausstellung, die von einem breiten Rahmenprogramm begleitet sein soll.

Das Forschungsprojekt „Movements of Migration“ arbeitet  aus der theoretischen „ Perspektive der Migration“ (Hess 2009) und vor dem Hintergrund erheblicher lokaler Forschungslücken daran, ein komplexes Verständnis von Göttingen als Migrationsstadt zu erlangen. Dabei geht das Forschungsprojekt neue, innovative Wege in der kulturwissenschaftlichen Wissensvermittlung, um in einem kollaborativen Prozess mit KünstlerInnen und Akteuren aus der Stadt die wissenschaftlichen Erkenntnisse im Rahmen eines Ausstellungsprojekts in die Stadtöffentlichkeit zurück zu spiegeln. Langfristiges Ziel ist es, einerseits die Geschichte und Gegenwart der Migration in der kommunalen Erinnerungslandschaft zu verankern und neue Blicke auf dieses höchst brisante Thema einzuüben. Zum anderen will das Projekt hiermit Universität und Stadt näher zusammenbringen und wissenschaftliches Wissen nachhaltig zur Selbstaufklärung der Gesellschaft anbieten.

Unser Forscherisches Anliegen:  Stadt ist Migration

„Stadt ist Migration“, formulierte einmal der Stadtforscher Erol Yildiz die zentrale Einsicht neuerer Stadtforschungsansätze (Yildiz 2010). Auf vielfältige Art erweckt die Stadt Göttingen jedoch den Eindruck einer weitestgehend kulturell homogenen, wenig durch Migration beeinflussten Stadt – trotz eines bundesdurchschnittlichen Anteils an Menschen mit Migrationshintergrund von 18,5%. Aufgrund verschiedenster (u.a. städteplanerischer) Faktoren entschwinden ganze Stadtviertel und Lebenswelten dem Blick, die ungleich migrantischer geprägt sind. So konnte die Göttinger Ära der „Gastarbeit“ fast vollständig in Vergessenheit geraten.

Auch die zentrale Rolle bei der Migrantisierung Göttingens, die der Georg-August-Universität als größter Arbeitgeber Südniedersachsens zukommt, bleibt bislang lokal unthematisiert. Dabei ist die Universität nicht nur als ein attraktiver Standort für „high skilled migrants“ zu erforschen, sondern auch als ein wichtiger Arbeitgeber in Zeiten des „Gastarbeitersystems“. Ziel des Forschungsprojekts ist es, die diskursiv,

erinnerungspolitisch und städtebaulich peripherisierten Phänomene wieder ins Zentrum der Betrachtung zurück zu holen und auch für Göttingen zu zeigen, wie Stadt und Migration zusammenhängen. Angesichts des vorgerückten Lebensalters der ersten Generation „GastarbeiterInnen“ ist die historische Aufarbeitung der Göttinger  Migrationsgeschichte(n) ein Gebot der Stunde. Dies würde auch eine erhebliche Forschungslücke der Migrations-bezogenen Stadtforschung schließen, die vor allem Migration in großen Metropolen wie Berlin oder München erforscht;  Mittelstädte wie Göttingen blieben bisher weitestgehend unerforscht, so dass Migration als ein Metropolenphänomen erscheint.

 

Integration der Migrationsthematik in die Stadtgeschichte

Migration muss nach dem aktuellen historisch, wissenschaftlichen Kenntnisstand als  „conditio humana“ (Klaus Bade u.a. 2007: 19), als ein „Normalfall“ (Bade/Oltmer 2004) städtischen Lebens betrachten werden.  Dieser Tatsache gilt es auch in den städtischen Kulturinstitutionen und stadtgeschichtlichen Aufarbeitungen Rechnung zu tragen, was bislang nur selten passiert und wenn, dann v.a. in Großstädten! D.h. der statistischen Erfassung (wie im Göttinger Integrationskonzept oder in der Göttinger Statistik) muss nun auch eine alltagsgeschichtliche Integration folgen, die die leblosen Zahlen und Verteilungsdiagramme mit Gesichtern und Geschichten anreichert.

Dabei fordert  der nationale Integrationsplan (2007) auch nationale und kommunale Kultureinrichtungen zur „interkulturellen Öffnung im Selbstverständnis, in den inhaltlichen Programmen, in den Gremien und beim Personal“  auf (Der Nationale Integrationsplan 2007: 132).

Denn zur vollen, gleichwertigen Integration und Anerkennung migrantischen Lebens in Deutschland gehört auch die Anerkennung der heterogenen Geschichten der Einwanderung, der Selbsteingliederung und der „Leistungen“ der MigrantInnen,  wie es Staatssekretärin Frau Böhmer und Bundeskanzlerin Frau Merkel zum 50jährigen Jubiläum des deutsch-türkischen Anwerbeabkommens mit ihrem Dank an die türkischen ArbeitsmigrantInnen zum Ausdruck brachten. Diese Anerkennung des Beitrags der Migration und des Integrationsprozesses ist v.a. auf kommunaler Ebene, im sozialen Nahraum, ein unerläßliches Element von Integrationspolitik

Herausforderung:  partizipatorische, Lernprozesse fördernde Vermittlung

Angesichts dieser wissenschaftlichen, kultur- und integrationspolitischen Brisanz des Themas sowie der Leerstellen, die das Forschungsprojekt bezüglich der Geschichte(n) der Migration in Göttingen aufzuarbeiten beginnt, legen wir viel Wert auf Fragen der Vermittlung:

Ziel des künstlerisch begleitenden Forschungsprojekts ist es, unsere wissenschaftlichen Ergebnisse einem breiten städtischen Publikum  zugänglich zu machen und städtische Akteure möglichst früh in den Rechercheprozess mit einzubeziehen. Unsere Funde und Analysen sollen aktiv in den öffentlichen Diskurs hineinspielen und die Erinnerungslandschaft Göttingens mitgestalten.

Dies bedeutet zunächst, dass wir bereits im Rahmen unserer Recherchen mit zahlreichen städtischen Akteuren zusammenarbeiten. Über das übliche Maß an Interviews und Informationsgesprächen geht diese Zusammenarbeit insofern hinaus, als dass unsere KooperationspartnerInnen nun zunehmend eigene Nachforschungen anstellen, deren Resultate auch im Rahmen unserer Ausstellung im März 2013 mit einbezogen werden sollen. Hierüber entsteht bereits während des Rechercheprozesses eine zivilgesellschaftliche Auseinandersetzung mit dem Thema und neue Initiativen werden gegründet.

Zum anderen bedeutet dies eine intensive den Forschungsprozess bereits begleitende Zusammenarbeit mit Künstlern und Künstlerinnen, die über Erfahrungen im Bereich des artistic research verfügen. Gemeinsam mit ihnen werden die Studierenden ihre wissenschaftlichen Erkenntnisse in künstlerische Repräsentationen überführen. Diese enge Zusammenarbeit soll nicht nur ansprechende und aufschlussreiche Wissens-Displays (im Sinne eines public understanding of science) produzieren, mit denen eine breite Öffentlichkeit erreicht werden kann. Vielmehr wird die Ausstellung Räume der Begegnung, der Interaktion sowie der Neu-Aushandlung von Blicken und Deutungen eröffnen, die diesem höchst kontrovers diskutierten Thema eher gerecht werden als es die massenmedial zugespitzte Debatte oft leisten kann.

 

Dialogisches Ausstellungsprojekt

Um dies zu leisten, werden wir die studentischen Forschungen in Form eines künstlerischen Ausstellungsprojekts im März 2013 der Göttinger Öffentlichkeit präsentieren. Der Göttinger Kunstverein wird uns für diesen Zeitraum seine Räumlichkeiten im Künstlerhaus überlassen – so gelangt das Thema Migration mitten in die Innenstadt. Ein zusätzlicher ebenerdiger Ausstellungsraum soll zum Verweilen und Selbst-Recherchieren einladen. Speziell entworfene Vermittlungsprogramme für Schulklassen und migrantische Communities sollen die komplexe Thematik verständlich nahebringen.

Darüber hinaus werden die BesucherInnen eingeladen, selbst den Stadtraum neu zu erkunden. Anregungen soll ein Audiowalk geben: Im Sinne touristischer Stadtführer können interessierte BesucherInnen sich Audiogeräte ausleihen, die sie gezielt an ausgewählte Orte im Stadtraum leiten, die einerseits Aufschluss geben über migrantisches Leben wie andererseits auch über kommunale Versuche bzw. Versäumnisse, Migration zu verwalten und zu steuern. Hierzu sollen auch etwa installativ genutzte Litfaßsäulen oder andere öffentliche Flächen mit einbezogen werden.

Das künstlerische Ausstellungsprojekt soll zudem von einem umfassenden Rahmenprogramm begleitet werden, um über die studentischen Forschungsprojekte hinaus neue Perspektiven der Repräsentation und des Umgangs mit migrantischen Phänomenen zu vermitteln, und den Dialog mit der Stadtöffentlichkeit zu intensivieren. Geplant sind eine Film- und eine Vortragsreihe: Hier sollen lokale Akteure, aber auch internationale Filmschaffende und WissenschaftlerInnen eingeladen werden, um Einblicke in die jeweilige aktuelle Debatte und den interdisziplinären Forschungsstand zu Stadt und Migration zu geben.

Podiumsdiskussionen und Gesprächskreise mit migrantischen AkteurInnen runden das Rahmenprogramm ab und laden sie ein, selbst aktiv an der Erinnerungsarbeit teilzunehmen.

 

Movements of Migration – ein Wissensarchiv der Migration

Doch die Ausstellung im Künstlerhaus soll keinesfalls der Schlusspunkt der Beschäftigung mit migrantischen Phänomenen in Göttingen sein. Vielmehr möchten wir durch diese Öffentlichkeitsarbeit ein Bewusstsein für die Geschichte(n) der Migration in Göttingen schaffen, und auf den dringenden Bedarf einer breit angelegten Auseinandersetzung mit der Thematik aufmerksam machen. Im Sinne der Nachhaltigkeit des Projekts ist geplant, die auch digital gestützten Erkenntnisse im Rahmen eines web-basierten Wissensarchivs nach Beendigung der Ausstellungsdauer an relevante städtische Akteure zu übergeben, um so die Fortführung des Projekts zu garantieren.

Kooperationspartner:

Kunstverein Göttingen

Verdi Fachbereich 3 und 8

Integrationsrat der Stadt Göttingen

AStA der Universität Göttingen

Schwerpunkt Stadt- und Regionalsoziologie des Instituts für Sozialwissenschaften der Humboldt-Universität Berlin

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